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Dialog mit der Zukunft:
die Kraft von Visionen.


Der Zukunftsforscher Max Horx empfiehlt in einen Dialog mit der Zukunft zu treten – durch langfristiges Denken aus der überreizten Gegenwart herauszutreten und positive Zukunftsbilder zu entwickeln.

Foto: Antje Bruno

 
Die Globalisierung als letzte große Zukunftserzählung ist gescheitert.

Was kommt, ist ungewiss. Diese Ungewissheit ruft Zukunftsängste und Verunsicherung hervor. Kulturtechniken können uns helfen, anders in die Zukunft zu blicken und so etwas wie Zukunftskompetenz zu entwickeln – einen konstruktiven Umgang mit Zukunft und ein hoffnungsvolles Bild von morgen zu entwickeln, empfiehlt Horx.

Wir leben in einer Zeit, in der es keine große gesellschaftliche Erzählung für die Zukunft mehr gibt. Um besser leben bzw. überleben zu können, müssen wir lernen, (neu oder anders) mit der Zukunft umzugehen, sagt Matthias Horx. Denn eigentlich fehlten uns überall Zukunftsbilder, die inspirieren, motivieren und Hoffnung machen – zumindest seien sie verstellt – in der Politik, in vielen Unternehmen, aber vor allem in der Gesellschaft.
Die Kulturgeschichte des Menschen verlaufe in Zyklen, es gebe Zeiten von Kohärenz und Fortschritt, in denen auch die Gesellschaft in einem ungefähren Gleichmaß ticke. Im Verlauf der Geschichte waren diese Phasen sehr unterschiedlich lang, so Horx. Aber irgendwann gebe es immer einen Kipp-Punkt, einen Bruch in der Komplexität des Systems. An so einem Punkt stünden wir gegenwärtig.
Das seit der Aufklärung sehr mächtig gewordene Narrativ des Fortschritts breche gerade zusammen, weil es mit den alten Methoden nicht mehr weitergehe. Ökonomie und Ökologie passen nicht mehr zusammen. Unsere übersättigte und trotzdem nimmersatte Konsumgesellschaft ist Spiegel der Erwartungskrise, in der wir uns befänden.

Horks Diagnose: „Der Fortschritt ist unsicher geworden für uns alle und deshalb müssen wir ihn eigentlich neu erfinden. Das irritiert uns wahnsinnig, weil wir natürlich auch an Kontinuität interessiert sind. Wir wollen, dass es immer so weitergeht, dass das Bruttosozialprodukt immer weiter steigt. Aber so funktioniert die Welt eben nicht und wir müssen uns auf diese neuen Verhältnisse adaptieren. Das fällt uns schwer. … Wir sind noch dabei, gewissermaßen zu toben, dass es nicht mehr so weitergeht wie früher. Deswegen haben wir auch noch nicht den Raum Visionen zu entwickeln. Dazu muss erst mal die Akzeptanz her zu sagen, es ist so wie es ist. Dann entsteht Hoffnung und daraus leiten sich dann wieder Visionen ab.“ Horx empfiehlt, in einen Dialog mit der Zukunft zu treten – zu lernen mit Utopien oder mit Zukunftsvorstellungen konstruktiv umzugehen: „sich geistig ins Morgen zu versetzen.“ Dadurch werde Zukunft ermöglicht, äußere und innere. Die Kontaktaufnahme mit der inneren Zukunft sei sehr aufschlussreich – wie in einer Meditation können durch die Selbstbeobachtung Ängste, Projektionen, Hoffnungen und Wünsche wahrgenommen werden.

Horx zufolge könnten sich 50 % der Menschen eine Zukunft in 10 oder 20 Jahren absolut nicht vorstellen, weil sie durch das Internet und die Medien in einer Art rasend überreizten Gegenwart leben – der Möglichkeitsraum der Zukunft werde permanent zugebombt mit Reizen, Skandalen, Ängsten und Dingen, die wir gar nicht kontrollieren könnten, vor denen wir Angst haben müssen. Deswegen hätten wir eine mentale Zukunftskrise, weil die Menschen gar nicht mehr zur Ruhe kämen, „um sich ,durchzudenken´ in ihrem Verhältnis zur langen Zeit“ – in die Zukunft. 

Alle direkten und indirekten Zitate stammen aus dem Gespräch mit dem Zukunftsforscher Matthias Horx am 30.11.2024 im Deutschlandfunk Kultur: „Zukunftsforschung: die Kraft von Visionen.“



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